Sonntag, 22. Juni 2014

Ziele und der kleine Haken für Geisteswissenschaftler.

Bisher habe ich mein ganzes Leben lang nach Überzeugungen und Willen gehandelt. Ich war nach dem Umzug überzeugt, dass ich nie wieder auf ein Gymnasium will und habe mich für die Gesamtschule entschieden. Hat hervorragend funktioniert, dort habe ich Freunde gefunden und Abitur gemacht. Danach wollte ich studieren und zwar etwas das mir Spaß macht. Kein BWL, keine Naturwissenschaften sondern Germanistik und Soziologie. Menschen und Sprache, weil es genau das ist, was mich interessiert. Von Herzen.
Und dann kamen die ersten Fragen: Was kann man denn damit machen? Meine geliebte Standardantwort war: alles. Auf diese Weise kämpfte ich mich durch meinen Bachelor, belegte Kurse nach reinem Interesse und gewann vor allem mein Hauptfach Germanistik sehr, sehr lieb. Die Literaturwissenschaft wurde mein Steckenpferd, ich las und begann mich sogar auf eine bestimmte Epoche zu spezialisieren (insofern das im Bachelor/Master möglich ist, doch ich möchte wetten, dass kaum jemand ein so breites Wissen über die Romantik besitzt, der im selben Studienjahr wie ich ist).
Doch am Ende des Bachelors kam auf einmal Panik auf. Ich wusste nicht genau wohin mit mir nach dem Studium, für Praktika hatte ich keine Zeit, denn mein Fokus lag eindeutig auf dem Studium und außerdem hatte ich einen Nebenjob. Ich entschied mich meinen Master zu machen. Noch mehr Literaturwissenschaft und Bücher. Wenn nicht jetzt, wann dann, war mein Motto. Und ich habe es drei Semester lang nicht bereut. Mich jeden Tag aufs Studium gefreut. Zusätzlich mein Interesse an DaF (Deutsch als Fremdsprache, ich habe gelernt es zu unterrichten) entdeckt und einige Blockseminare gewählt, die meinen Horizont erweitert haben. Mit positiver Kraft in die Zukunft und grundsätzlich mit dem Wissen, dass ja am Ende immer alles gut wird.

Dann kam dieser Tag. Jobmesse. Auch für Geisteswissenschaftler. Und ich war motiviert. Schick gekleidet, ein freundlich-suveränes Lächeln im Gesicht, tingelte ich zu den Unternehmen, die ich mir vorher rausgesucht hatte (akribische Recherchearbeit ist ja die Basis, nicht?). Ich ging also von Stand zu Stand, Unternehmen zu Unternehmen und stellte mich vor. Vorname, Nachname, studiere Germanistik im Master, suche ein Praktikum, ja es gibt einen schier endlosen Pool an positiver Energie und Motivation in mir. Ob ich denn schon Praktika gemacht hätte. Nein, aber ich suche genau aus diesem Grund jetzt einen Praktikumsplatz. Ob denn kein BWL Studium vorliegt. Nein, immer noch Germanistik, aber ein BWL-Workshop habe ich absolviert und aufgrund meines Studiums könne ich Kommunikation ganz gut. 
Es kamen mehr oder weniger beschönigte Absagen. Anscheinend sind Menschen, die sich selbst Verwirklichen möchten und sich nur dann bewerben, wenn sie dafür bereit sind, nicht so gefragt. Das hat mich demotiviert. Das Geisteswissenschaftler als Grundlage ihrer Karriere endlos viele Praktika absolvieren sollen und dafür einen Witz als Lohn erhalten ist die eine Sache. Das für ein mehr oder weniger unbezahltes Praktikum ernsthaft noch ein anderes Praktikum vorausgesetzt wird, ist schlichtweg eine Frechheit.
Und so suche ich weiter, nach einem geeigneten Weg für mich. Aber da es bis jetzt ganz gut geklappt hat, bleibe ich optimistisch. Ich glaube, dass jeder Mensch seinen Weg findet, also wird sich auch für mich eine neue Möglichkeit eröffnen. Früher oder später, es wird passieren.

Kommentare:

  1. Liebe sinny,

    ich kann dich gut verstehen in den meisten Punkten. Ich studiere aktuell Journalistik und natürlich ist man auch da hin und wieder von Zukunftsängsten geplagt. Den Master will ich auch auf jeden Fall noch machen.

    Fairerweise muss ich aber auch fragen: Du bist im Master und hast vorher NOCH NIE ein Praktikum gemacht? Das finde ich sehr, sehr mutig in der Branche. Dass man allerdings Praxiserfahrung vorraussetzt, um noch mehr Praxiserfahrung zu bekommen, finde ich auch leicht bescheuert. Und zu dem mickrigen Lohn braucht man eigentlich gar nichts mehr zu sagen. :/

    Ich wünsche dir jedenfalls einen tollen Praktikumsplatz - lass dich bloß nicht demotivieren! Ich habe die Firmen immer per Mail genervt, das funktionierte komischerweise immer ganz gut.

    LG

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    1. Liebe Melani,
      tatsächlich habe ich schon ein Praktikum gemacht, in einer Buchhandlung, das war auch sehr aufschlussreich, jetzt kenne ich mehrere Seiten des Buchhandels. Allerdings wird mich das Praktikum kaum in meinem Berufswunsch weiterbringen, deshalb verschweige ich es immer ;)
      Ansonsten weiß ich, das ich praktikumstechnisch etwas hinterher hinke. Das liegt aber auch daran, dass ich mir erstmal klar werden wollte, in welche Richtung ich grob will. Jetzt soll alles besser werden (vielleicht kommt ja irgendwann die glorreiche Zeit, in der man für Praktika bezahlt wird).
      Danke für deine ermutigenden Worte und ich werde jetzt fleißig Mails in die Welt schicken :)
      LG

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  2. So sehr ich es begrüße, wenn jemand am Studium Freude findet und dort seinen Interessen nach geht, ein wenig naiv finde ich dein Vorgehen schon.

    Ich hab im Studium auch relativ gemacht, was ich wollte und was mich interessiert hat, hab mir aber auch überlegt, wie ich das irgendwann "verkaufen" kann. Bei mir war es Zufall, dass ich mich ein bisschen auf Fachtextlinguistik und Verständlichkeitsforschung spezialisiert hatte, was jetzt gut zu meinem Nebenjob passt. (Und Lehramt ist ja eh ein "richtiges" Berufsziel.)

    Bei der Praktikumssuche wünsche ich dir aber viel Erfolg!

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  3. Ach, ich weiß wie du dich fühlst.
    Bei dem Gedanken, dass ich in einem Jahr eigentlich doch sehr gern mein Erwachsenenleben beginnen würde (Sprich: Ich habe einen Job mit gutem Gehalt, damit ich mir eine Wohnung leisten kann, in der ich nicht darauf verzichten muss Zwiebeln anzubraten, weil sonst die Bettwäsche 14 Tage müffelt.), stockt mir vor Panik der Atem. Ganz zu schweigen von den ganzen anderen Verantwortungen, die dann anstehen: Das Kindergeld fällt weg, Bafög gibt's dan auch nicht mehr, dafür möchten dann die GEZ und vermutlich auch Versicherungen Geld von mir. Absolut unvorstellbar aus heutiger Sicht.
    Aber ich versuche, genau wie du, positiv zu denken. Es wird passieren und irgendwie wird es schon klappen.

    Akute Bedrohungen sind da eher die anstehende Hausarbeit (Datenauswertung mit SPSS, ich könnt kotzen ...) und der Allergietest. (Wobei ich lieber 10 davon machen würde, statt einmal diese Hausarbeit zu schreiben.)

    Und weil ich in einer ziemlich ähnlichen Situation stecke eine kleine Idee: Recherchier doch mal, ob es in deiner Nähe Vorträge zu spannenden Themen gibt, die du besuchen könntest? Die IHK ist da oft ziemlich gut mit dabei. So was bringt einem definitiv ein bisschen weiter (selbst wenn du am Ende dann nur weißt, was du nicht machen willst) und du hast die Möglichkeit, inspirierende Leute kennenzulernen.

    Solltest du eine akute Panikattacke haben - du weißt, wo du mich findest.
    Auch jenseits von Ängsten unterstütze ich dich natürlich liebend gern.

    P.S.: Ich seh dich ja in der (Literatur-) Wissenschaft.

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