Sonntag, 7. September 2014

Charly

Als Kind habe ich mir immer ein Haustier gewünscht und meine Eltern waren, wie sollte es auch anders sein, strikt dagegen. Also drosselte ich meine Ansprüche von Pferd auf Hund, von Hund auf Katze, von Katze auf Hamster und von Hamster auf Vogel - tiefer, nämlich zu den Fischen, war ich ich nicht bereit zu gehen. Ich hatte Glück, denn mein Papa erwies sich als Vogelfreund und somit hatte ich endlich einen Verbündeten. Die Wahl der Vogelart fiel leicht, aufgrund der Größenverhältnisse der Wohnung kam ein Papagei nicht in Frage und weil wir wunderschöne gemeinsame Urlaube und Erinnerungen an die kanarischen Inseln hatten, entschieden wir uns für Kanarienvögel. Zunächst wurde fleißig Literatur über die bunten Sänger geschmökert, denn man sollte schließlich wissen, was man sich so ins Haus holt, dann fuhren wir los und kauften Käfig, Zubehör und zwei Vögel. Ich durfte mir einen aussuchen und wählte einen wunderschönen orangefarbenen Sänger. Meine Mama taufte ihn wenig später Charly.

Seine Begleiterin Chipsy erwies sich unglücklicherweise ebenfalls als Männchen und machte dem kleinen Charly das Leben schwer. Zu diesem Zeitpunkt zeigte sich, dass meine Wahl auf ein Sensibelchen gefallen war. Er konnte und wollte sich nicht durchsetzen. Chipsy gaben wir schweren Herzens wieder ab und mit seiner neuen Frau Safari begann eine glückliche und zufriedene Zeit für Charly.
Doch manchmal gab es diese Augenblicke. Er erschreckte sich, stößt sich oder wird von der Dame des Hauses geärgert. Dann hat er sich immer auf den Boden gesetzt und sich nicht mehr gerührt. Stillstand. Er war wie versteinert und ganz offensichtlich mit der Situation überfordert. 
Es gibt Zeiten, da fühle ich mich wie Charly. Es passiert dann enorm viel auf einmal, Entscheidungen müssen gefällt werden, Arbeit muss erledigt werden und die Zeit verfliegt im Nu. Dann möchte ich mich ebenfalls auf den Boden setzten, ganz still, und abwarten, bis sich die Lage wieder entspannt. Bis das Leben wieder in geregelten Bahnen läuft und der ganze Spuk vorbei ist. Doch ich bin nicht Charly, keiner kann beherzt zugreifen, mich zurück in mein Leben holen und mich mit den nötigsten versorgen. Probleme lösen sich nicht von allein, ich muss ihnen in die Augen sehen und sie anpacken. That's life. Aber ich muss nicht schneller rennen, als ich kann. Lieber nehme ich mir eine Pause - bei der ich mich nicht zwingend, aber gelegentlich auf den Boden setze -, atme durch und sammel die Kräfte für den nächsten Schritt. Inspiriert von Charly.

1 Kommentar:

  1. Was für ein wunderschönster Text. Bezaubernde, rührende Worte, die machen, dass ich dich einfach nur ganz fest in den Arm nehmen und drücken will - zur Not auch auf dem Boden.

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